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  • Stefan Haber

Darf man Kitsch eigentlich mögen ?


Ich habe mich mit mit moderner Architektur und modernem Design auseinandergesetzt . Ich schätze Mies van der Rohe und das Bauhaus. Minimalismus und die Ideen der Modernen sind mir vertraut. Jedoch erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich etwas schön finde, auch wenn es kitschig ist.

Der deutsche Duden hat folgende Definition zu bieten. Kitsch ist ein aus einem bestimmten Kunstverständnis heraus als geschmacklos (und sentimental) empfundenes Produkt der darstellenden Kunst, der Musik oder Literatur, geschmacklos gestalteter, aufgemachter Gebrauchsgegenstand.

Dieser Teller, ein Hochzeitssouvenir von Prince Charles und Lady Diana, den ich vor Jahren in einem Utrechter Trödelladen gekauft habe, ist genau so ein Fall. Royaler Kitsch zum Davonlaufen.

Warum fasziniert mich dieses Ding?

Ist es die Geschichte, die ich mit ihm verbinde?

Jeder weiß noch den Ort, an dem ihn die Nachricht vom Tod der Prinzessin ereilte. Ich war an einer Autobahnraststätte auf dem Weg nach Bad Tölz. Überall konnte man erschrockenen Gesichter sehen. Die Zeit stand einen Moment lang still.

Oder die Hochzeit, die Affären, die schmutzige Wäsche um das Unglück einer betrogenen Prinzessin, die unschuldig, scheu und schwach auszog, um ihren Mann das Fürchten zu lehren?

Drei Möglichkeiten, Kitsch einzusetzen, kann ich mir vorstellen:

1. minimalistisch mit einer Botschaft (sentimental, witzig)

2. überzeichnet, um eine Art Inszenierung zu leben (überquellend, lustvoll)

3. und natürlich, wenn man keine Ader für Formen und stimmige Gestaltung hat und beratungsresistent ist (spießig)

Über einem barocken Sofa mit gehäkelten Kissen und Plüschtieren kommt dieser Teller etwas verspielt und platt rüber. Auf einer Betonwand in einem Konferenzraum eher bemerkenswert und witzig.

Der Teller ist also auch deswegen so interessant, weil er nicht zu mir passt? Weil er in einem bestimmten Kontext einen widersprüchlichen Akzent setzt, mir Aufmerksamkeit einbringt und Fragen aufwirft?

In der Natur gibt es übrigens keinen Kitsch. Selbst eine zweigeschlechtliche Purpurschnecke wirkt irgendwie echt. Ein Pfau hat alle Attribute, die kitschig sein könnten, wird aber nicht so eingeschätzt. Kitsch ist also ein menschliches, artifizielles Produkt!

Es stellt sich zum Schluss noch die Frage: Darf man eigentlich Kitsch mögen?

Meine Antwort wäre: Ja, aber nur wenn man es merkt.

PS. Warum hängt man sich eigentlich Teller an die Wand …?


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