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  • Stefan Haber

Von Belleville über Marais nach Saint-Germain-des-Prés


Der Grund für Paris war natürlich die Stoff-Messe Déco Off. Ähnlich wie in München sind die Verlage in der City in den eigenen Showrooms oder in Pop-up Stores zu finden. Aber wenn schon Paris, dachte ich mir, dann richtig. Also habe ich mir in der Nähe des Arc de Triomphe für drei Tage ein Hotel gesucht und frühzeitig einen Flug gebucht. Nun stehe ich auf dem Place de Gaulle im Regen und freue mich, wieder in Frankreich zu sein .

Ich starte in Belleville, das derzeit als das angesagteste Viertel der französischen Metropole gilt.

Belleville ist ein ehemaliger Weinberg, der erst 1860 eingemeindet wurde. Hier ist die 1,47 Meter große Edith Piaf aufgewachsen und dann später unten in Paris "groß" geworden. Die rue Belville führt direkt ins Herz der Stadt. Paris liegt Belleville zu Füßen genauso wie damals Paris Edith Piaf zu Füßen lag.

Belleville ist ein Schmelztiegel der Nationen. Vor allem Menschen aus dem mittleren Osten, Asiaten und Afrikaner haben hier ihre Heimat gefunden. Und auch Kreative, denen es im Marais zu teuer ist und die jetzt möglichst frei ihr eigenes Ding machen. Die Einkaufsstraßen im oberen Teil sind im Vergleich zur City eher schlicht. Die Seitenstraßen links der rue Belleville wirken teilweise etwas heruntergekommen und sind geprägt durch Street Art, Graffiti und kreative Geschäftsmodelle.

Hier findet man neue Ideen, Kunst, Kitsch, Kreativität in einer Ursprünglichkeit und Kraft, die im Marais oder St. Germain nicht mehr stattfindet, da hier bereits das Geld und die Macht des Mainstreams herrschen.

Wahrscheinlich hat das Viertel jetzt seine besten Jahre, irgendwann rücken die Etablierten nach und drücken den Rand der Gesellschaft weiter an die Peripherie.

Am Fuße des Berges erwartete mich ein riesiger Markt auf dem Boulevard de la Villette. Hier wird Arabisch gesprochen. Zwischen Gemüse, Fisch, Gebäck und kehligen Lauten findet man Haushaltswaren, Stoffe und orientalische Marktkultur. Fremdartige Gerüche, beleibte Rentner im Kaftan, verschleierte Frauen und Zelte mit arabischen Genüssen. Halal to go!

Dann geht es weiter durch eine Multi-Kulti-Einkaufsstraße, die vor Waren aus aller Welt förmlich überquillt. Ich treffe auf Chinesen, aber auch Perser, Marokkaner, Afrikaner und Russen mit ihrer unverwechselbaren Art, Waren zu präsentieren und anzubieten. Hektisch, laut und kürmelig. Die rue du Faubourg du Temple bringt mich, vorbei am Canal Saint Martin, wo der Ausflug mitten durch die Kulturen zu enden scheint, bis zum Place la Republique.

Ich tauche ein in das Marais. Kreativ elitär und wunderschön sind die Gassen und die Menschen, die hier arbeiten. Die Kleidung ist dem Kreativen geschuldet und gerade deswegen sehr uniform: schwarz. Man will dazugehören oder gehört dazu. Prunkvolle Hinterhöfe mit Türstehern, die eine exklusive Schwellenangst erzeugen, der ich mich beuge. Hier wird von avantgardistischen jungen Teams auf hohem Niveau das reproduziert, was der gehobene Markt wünscht und was man in den Hochglanzmagazinen der ganzen Welt bestaunen kann. Ich bin fasziniert von der Perfektion, doch mir fehlen die spannenden Ecken und Kanten.

Nach einer Pause in einem kleinen Garten führt mich mein Weg immer weiter in Richtung Innenstadt. Hier wird das Marais kommerzieller und endet im Paris der Touristen. I-pad verdrehende Japaner, schlechtes Fastfood, Selfie-Hochburgen, Bettler und Taschendiebe zwischen pittoresken und mitunter gewaltigen Bauwerken und Plätzen, die auf tausenden von Postkarten verewigt wurden und geschichtsträchtig überquellen, suche ich meinen Weg an der Notre Dame vorbei über die Seine nach Saint-Germain-des-Prés.

Hier findet ein Großteil der Stoffmesse Déco Off statt. In der rue Jacob und rue de Seine präsentieren sich die Stoffverlage von Weltrang. Die wunderschönen Stofflampen, einfach über die Straßen gehängt, leuchten mir den Weg. Das meiste hier ist opulent, stilvoll und klassisch. Es ist eine reine Freude zu schauen, zu entdecken und zu berühren. Ein Fest für alle Sinne. Teppiche, Kissen und Accessoires, geniale Schaufensterpräsentationen, noble Geschäfte und noble Kundschaft. Besonders angetan war ich von dem Verlag Élitis aus Toulouse. Diese Firma hat scheinbar den Anspruch, sich jedes Jahr neu zu erfinden. Mit dem Leiter der Berliner Niederlassung und einer Erasmus-Studentin aus Toulouse, die für Élitis arbeitet und vorher in Wuppertal studiert hatte, konnte ich mich ausführlich und freundlich unterhalten.

Der Einschätzung der Französin, dass Paris faszinierend, doch gleichzeitig hektisch, kühl und teuer sei, konnte ich mich nur anschließen .

Faszinierend fand ich den riesigen Saal in einem Hinterhof, den Sahco Hesslein bespielte, und auch die Stoffe der spanischen Firma Ybarra & Serret. Die "alten Hasen" Kinnasand, Nya Nordiska und Creation Baumann ließen den Mut der vergangenen Jahre vermissen. Schade! Auch bei Casamance, Casadeco und Camengo fand ich keine Überraschungen.

Die englischen Firmen Scion, Harlequin und Sanderson waren zum ersten Mal mit einem Showroom in Paris vertreten. Die Kollektion von Scion mit dem Kakteenmotiv fand ich sehr gelungen und die Idee von Harlequin mit Stoffapplikationen auch. Miss Print zeigte ihre neue, wie immer gut gemachte Tapetenkollektion. Der Verlag Chivasso, den ich seit seinen Anfängen miterleben durfte, geht scheinbar im Großverlag JAB gesichtslos unter. Das finde ich bedauerlich.

Insgesamt war ich von Paris sehr beeindruckt. Das pralle Leben, die Größe, die komprimierte Qualität. Diese Achterbahnfahrt des Lebens, der man sich nicht entziehen kann. In atemberaubender Geschwindigkeit wechseln Kulturen, Lebensweisen und Anspruch. Aber um etwas zu lieben, muss man es umarmen können. Das ist mir nicht gelungen.


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